Veronika Rohrer in Grünwettersbach – die Geschichte hinter Hebels Vreneli

Eigener Hinweis zum ehemaligen Wohnhaus:

Veronika Rohrer wohnte in Grünwettersbach im damaligen Haus der Familie Eiermann, heute Am Wetterbach. In dem Gebäude befanden sich auch ein Lebensmittelgeschäft und eine Schuhmacherwerkstatt der Familie Eiermann. Es handelt sich um das Elternhaus der Frau von Max Freiburger. 
Das ursprüngliche Sandsteinschild, das an das Haus und Veronika Rohrer erinnerte, wird noch gesucht. Bislang konnte es nicht wiedergefunden werden.

Eine Frau zwischen Geschichte und Legende

Grünwettersbach ist mit einer besonderen Persönlichkeit der badischen Literaturgeschichte verbunden: Veronika Rohrer (1779–1869), die weithin als „Hebels Vreneli“ bekannt wurde. Ihre Lebensgeschichte ist eng mit dem Dichter Johann Peter Hebel verbunden und erzählt von einer Frau, deren Bekanntheit zu Lebzeiten weit über das Dorf hinausreichte.

Veronika wurde am 28. Oktober 1779 in Hasel im Wiesental geboren. Nach einer schwierigen Kindheit und frühen Jahren im Dienst kam sie 1802 in den Haushalt des Pfarrers Christian Friedrich Mylius. Als dieser 1817 die Pfarrstelle in Grünwettersbach übernahm, zog Veronika mit ihm und führte bis 1824 seinen Haushalt.

Wie Veronika zu Hebels Vreneli wurde

Johann Peter Hebel und Christian Friedrich Mylius kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit am Karlsruher Gymnasium. Veronika kam dadurch in ein Umfeld, in dem Hebels Gedichte bekannt waren. Sie kannte den Dichter und trug seine alemannischen Gedichte gerne vor, darunter auch das Gedicht „Hans und Verene“ aus den Alemannischen Gedichten, die 1803 erschienen.

Im Laufe der Zeit identifizierte sich Veronika offenbar selbst mit der Figur des Vreneli. Auch ihr Umfeld und die Hebelverehrer bestärkten diese Verbindung. So wurde sie in der Öffentlichkeit zunehmend als das Vorbild für Hebels Gedicht angesehen.

Der Heimatforscher Ludwig Vögely untersuchte diese Überlieferung 1980 in seinem Aufsatz „Johann Peter Hebels Vreneli – Schwindende Erinnerungen“. Er kam zu dem Ergebnis, dass Veronika Rohrer nicht das Vorbild für die literarische Figur Verene gewesen sein kann. Die zeitlichen Umstände sprechen dagegen: Hebels Gedicht erschien 1803, während Veronika erst später nachweislich in den engeren Lebenskreis des Pfarrers Mylius kam. Auch für eine Liebesbeziehung zwischen Hebel und Veronika gibt es keine Belege.

Ein bewegtes Leben in Grünwettersbach

Im Jahr 1824 heiratete Veronika den Küfer Wilhelm Friedrich Rohrer, der deutlich jünger war als sie. Die Ehe wurde unglücklich. Nach Vögelys Darstellung litt sie unter Misshandlungen und wirtschaftlicher Not. 1834 wandte sie sich deshalb an den Kirchenrat. Ihr Mann starb 1836.

Veronika blieb in Grünwettersbach und führte ein bescheidenes Leben. Sie trug weiterhin ihre markgräfische Tracht, sprach Alemannisch und war für die Dorfbewohner eine auffällige Erscheinung. Sie arbeitete unter anderem mit Spinnen und verkaufte Blumen, Obst und Gemüse in Karlsruhe.

Besucherin und Verehrerin Hebels

1856 wurde Veronika durch einen Zeitungsaufruf des Karlsruher Bürgers Groß erneut einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er hatte sie bei einem Spaziergang gesehen, sich nach ihrem Schicksal erkundigt und eine Sammlung zu ihrer Unterstützung angeregt. Der damalige Grünwettersbacher Pfarrer Müller stellte ein unterstützendes Zeugnis aus.

Hebelverehrer besuchten sie daraufhin in Grünwettersbach. Am 5. Oktober 1856 kam eine Abordnung des Karlsruher Gesangvereins „Liederkranz“ in das Gasthaus „Lamm“. Dort wurden ihr vertonte Hebel-Gedichte vorgetragen, die sie teilweise selbst auswendig konnte.

Auch bei den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Johann Peter Hebels im Jahr 1860 stand Veronika im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie erhielt einen Ehrenplatz bei einer Festvorstellung im Großherzoglichen Theater in Karlsruhe.

Erinnerung an Veronika Rohrer

Veronika Rohrer starb am 8. Januar 1869 im Diakonissenhaus in Karlsruhe. Die Gemeinde Grünwettersbach hatte für ihren Lebensunterhalt und ihre Pflege aufgekommen. Sie wurde auf dem Alten Friedhof in Karlsruhe an der Kapellenstraße beigesetzt. Der Karlsruher „Liederkranz“ stiftete ihren Grabstein mit der Inschrift:

„Hier ruht Veronika Rohrer, 1779–1869, Hebels Vreneli, gewidmet vom Karlsruher Liederkranz.“

In Grünwettersbach erinnerte eine Tafel am Haus Hauptstraße 24 an sie. Das Gebäude wurde 1978 abgerissen; die Tafel konnte im letzten Moment gerettet werden.

Veronika Rohrer war nach den Forschungsergebnissen nicht das Vorbild für Hebels Gedichtfigur. Ihre Bekanntheit als „Hebels Vreneli“ entstand vielmehr durch ihre Verehrung des Dichters, ihre Vorträge seiner Gedichte und die öffentliche Erinnerung an Hebel. Ihre Geschichte bleibt ein bemerkenswertes Kapitel der Grünwettersbacher Ortsgeschichte – zwischen historisch belegtem Lebensweg und einer Legende, die sie weit über ihren Heimatort hinaus bekannt machte.

Quelle: Ludwig Vögely: „Johann Peter Hebels Vreneli – Schwindende Erinnerungen“, Badische Heimat, 60. Jahrgang, 1980, S. 221–229.